JUDO

Von Japan nach Deutschland

Etwa zur Jahrhundertwende begann Kano sein Judo auch außerhalb Japans zu verbreiten. 1905 eröffnete Erich Rahn die erste Deutsche Judoschule, 1920 gründete Alfred Rhode den Ersten Deutschen Judo – Club in Frankfurt/Main, er lehrte jedoch eher Jiu-Jitsu. Ein Schüler Kanos brachte das Judo vorerst nach London. Die englische Schule, welche enge Kontakte zu Rhode hatte, brachte es dann nach Deutschland. In den nächsten Jahren gründeten sich allerorts neue Vereine, die sich 1932 zum Deutschen Judoring zusammenschlossen.1956 fanden nach der Gründung des Deutschen Judo Bundes auch die ersten Deutschen Meisterschaften statt, jedoch nur für Männer. 1970 durften dann erstmalig auch Frauen teilnehmen.

Judo in aller Welt

1956 fanden die ersten Weltmeisterschaften im Judo in Tokio statt, hierbei gab es nur eine offene Klasse. Gewichtsklassen führte man erst 1961 ein, nachdem der Niederländer Anton Geesink erstmals japanische Judoka schlagen konnte. 1964 wurde Judo für Männer olympisch, für Frauen erst 1992. Während früher die Japaner im Judo dominierten, ist es heute ein Weltsport. So fielen 1964 bei den olympischen Spielen nur 4 der 16 Medaillen an Asien und 1969 gab es bereits 90000 deutsche Judoka.

Was ist Judo

Judo ist der Kampfsport, der weltweit die meisten Anhänger hat. Judo heißt vor allen Dingen: auf der Matte üben, sich bewegen, mit vielen Partnern kämpfen oder, wie die Japaner sagen, „mit dem Körper begreifen“. Seine Wurzeln liegen in der Selbstverteidigung, jedoch ist Judo heute ein (sogar olympischer) Wettkampfsport mit ca. 10 Millionen Anhängern weltweit. Judo setzt sich aus den beiden Silben „ju“ (=Sanftheit, Nachgeben) und „do“ (=Weg, Prinzip). Es bedeutet also der sanfte Weg, der Weg des Nachgebens.

Die beiden Prinzipien des Judo

Zwei Grundsätze verhindern, dass der Kampf auf der Matte in einen simplen Kräftevergleich, bei dem der Gegner mehr oder weniger verletzt auf der Strecke bleibt, ausartet. Jede Technik, jede Bewegung hat dem Prinzip der größtmöglichen Wirkung, „Sei-Ryoko-Zen-Yo“, zu gehorchen. Es bedeutet, die Kräfte des Gegners geschickt gegen ihn einzusetzen anstatt ihnen bloße Gewalt entgegenzusetzen. Dieser wird dann, überrascht, keinen Widerstand zu erfahren, sein Gleichgewicht verlieren, nun fällt die Verteidigung wesentlich leichter. Das zweite Prinzip vom gegenseitigen Helfen und Verstehen, „Ji-Ta-Kyo-Ei“, macht Judo erst zu mehr als bloßem Zweikampf. Vielmehr wird es zum Werkzeug der Erziehung. Jede Übung wird mit einem und nicht gegen einen Partner durchgeführt. Wissen, Fehler, Erkenntnisse werden der Gruppe mitgeteilt und helfen so allen.

Ziele der Judo-Ausbildung

Als Jigoro Kano sein System schuf, hatte er hauptsächlich 3 Ziele im Auge: er wollte ein System schaffen, das auf interessante, Interesse weckende Weise den Körper trainiert, die Muskeln ausbildet und die Organkraft stärkt. Menschen jeden Alters und Geschlechts sollen so ihre Gesundheit erhalten können. Zweitens dachte er daran, seinen Schülern die Möglichkeit zu geben, durch strenge Regeln kontrollierte Wettkämpfe zu bestreiten. Drittens sollte durch Judo neben einer Charakter- und Persönlichkeitsformung die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten erreicht werden. Regelmäßiges Training fördert die Entwicklung des logischen Denkens sowie der Urteilskraft und trägt somit zu einem ausgeglichenen Persönlichkeitsbild bei.

Die Entwicklungsgeschichte des Judo

Ein echter Samurai trennte sich niemals von seiner Waffe, denn er erachtete es als unter seiner Würde, mit bloßen Händen zu kämpfen. Doch konnten ihm die Kenntnisse des Kampfes mit bloßen Händen auf dem Kampffeld oder in den Gemächern eines Schlosses, die mit dem Schwert zu betreten streng verboten war, unschätzbare Dienste leisten. Die Erfindung des Yoroikumiuchi („Zweikampf in Rüstungen“) wird Sakaeda Muramaro, einem Aristokraten der Nara-Epoche (710-784) zugeschrieben.

Doch in Wirklichkeit handelt es sich dabei um eine alte Kunst, deren Aufblühen sich später im 11. bis 15. Jahrhundert vollzog. Die Kampftechnik war für das Zusammentreffen von Gegnern ohne Waffen bestimmt. Sie war noch recht einfach und umfasste einen kleinen Komplex von Griffen und Würfen, die später in die verschiedenen Jiu Jitsu Schulen aufgenommen wurden.

Selbstverständlich war die Anwendung von Faustschlägen und Fußtritten nicht untersagt, doch in der Regel konnte man durch die Rüstung eher der eigenen Hand oder dem eigenen Fuß Schaden zufügen, als dem Gegner. Die Erfinder des Yoroikumiuchi nutzten wirksam alle Besonderheiten in der Bewaffnung des Samurai aus. So konnte man z.B. den Metallring zur Befestigung des Köchers an der Rückseite der Rüstung als bequemen Handgriff bei der Ausführung eines Wurfes nutzen. Interessant sind die in einigen Quellen erhalten gebliebenen Erinnerungen an die Schule Shoshoryu, die eine gewisse Parallele zu einigen Richtungen des chinesischen Kempo und des okinawaschen Karate erlauben. Die Spezifika dieser Schule bestand darin, dass sie eine außerordentlich starke Durchschlagskraft der Hand entwickelte, die in der Lage war, die Panzerung einer Rüstung zu durchschlagen.

In der Tokugawa-Epoche, einer langen Friedensperiode, in der sich die Samurai ihren Lieblingsbeschäftigungen widmen und über die Kampfkünste nachdenken konnten, erreichte die Anzahl der Jiu Jitsu Schulen, dem Nachfolger des Yoroikumiuchi, Rekordziffern. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verloren die Jiu Jitsu Schulen allmählich an Popularität und machten neuen Strömungen wie Judo, Aikido und Karate Platz.

Heute ist in Japan eine Art „Jiu Jitsu Boom“ zu beobachten, der im Wiederauftauchen einer Vielzahl alter und neuer Schulen (z.B. dem Hakkoryu) zum Ausdruck kommt. Das Interesse der Jugend an dieser „rein japanischen“ Zweikampfsportart spricht für den deutlichen Trend der Bewahrung der nationalen geistigen Werte, die verstärkt den aus dem Westen und Osten eingeführten Gebräuchen entgegengestellt wird. Doch der rechtmäßige Erbe und Nachfolger des Jiu Jitsu bleibt das Judo. Seine Geschichte begann nicht zufällig in einer Epoche großer politischer und ökonomischer Veränderungen in Japan.

Im Jahre 1868 brach nach dreihundertjähriger Regierung das Tokugawa-Shogunat zusammen. Es fielen die undurchdringlichen Mauern der Gesetze, die das Land gegenüber allen Kontakten mit Ausländern abschirmten. Aus den Industrienationen wurde Japan nun durch einen Strom wissenschaftlich-technischen Wissens überschwemmt, der schnell aufgenommen und in der Praxis angewandt wurde. Es zerfiel das alte, feudale Souveränitätssystem und mit ihm auch die Samurai-Clans. Im Zusammenhang mit der Schaffung einer regulären Armee wurden die den Fürsten unterstehenden Samurai-Abteilungen aufgelöst. Doch viele Samurai wollten ihren Beruf nicht ändern. Die Jiu Jitsu Schulen wuchsen wie Pilze aus der Erde und die verschiedenen Richtungen und Schulen traten in eine unbarmherzige Konkurrenz miteinander. Neben den echten Meistern traten dabei auch Scharlatane und Dilettanten auf, die das Jiu Jitsu in Verruf brachten. Zu diesem Zeitpunkt trat ein Mann auf, dem es zu verdanken ist, dass die alten Kampfkünste vor großer Schmach und Schande gerettet wurden.

Kano Jigoro, der Vater des modernen Judo, wurde im Jahre 1860 in dem kleinen, am Meer gelegenen Städtchen Mikage, unweit von Kyoto, geboren. Als Abkömmling eines armen Samurai-Clans zeigte er schon frühzeitig eine Neigung zu den Humanwissenschaften. Er war arbeitsam und beharrlich. Nach der Meiji-Revolution übersiedelte seine Familie im Jahre 1871 nach Tokyo. Kano, der eine Mittelschule absolviert hatte, begann an der Kaiserlichen Universität in Tokyo zu studieren. In seiner Studienzeit begann er erstmalig ernsthaft über die Möglichkeit nachzudenken, die Harmonie von Körper und Geist zu erreichen. Der endgültige Entschluß, sich dem Jiu Jitsu zu widmen, reifte bei dem jungen Mann erst im Alter von 18 Jahren, in einem Alter also, das für die Aufnahme des Trainings in irgendeiner Sportart schon recht hoch ist. Trotzdem verstand es Kano, der keineswegs über ideale körperliche Voraussetzungen verfügte, in kurzer Zeit die schwierige Technik der Griffe und Würfe zu erlernen. Die Grundlage der Meisterschaft eignete sich Kano bei einem zwar nicht schlechten, aber doch recht mittelmäßigen Lehrer namens Yagi Teinosuke an. Später setzte er seine Studien bei so anerkannten Autoritäten wie Fukuda Hachinosuke und Iso Masatomo aus der Schule Tenshin shinyoryu, sowie auch bei Ikubo Tsunetoshi aus der Schule Kitoryu fort.

Nach Abschluß seines Universitätsstudiums trat Kano in die Hochschule für Adlige ein, eine privilegierte Lehranstalt, die den Zugang zu den wichtigen Staatsämtern öffnete. Trotz allem aber siegte in ihm die Liebe zu den Kampfkünsten. Im Jahre 1882 eröffnete der junge Adlige am Eisho-Schrein in Tokyo eine eigene Sportschule – das Kodokan.

Die uns überlieferte Geschichte des Kodokan ist voll von dramatischen Ereignissen. Die ersten Jahre der Entstehung des Judo waren voll harter Arbeit, kühnen Experimenten und zahllosen Konkurrenten. Etwa fünf Jahre lang musste die „Intellektuellen“ – Schule Kano Jigiros um ihre allgemeine Anerkennung kämpfen. Die Tiefe des philosophischen Denkens ihres Gründers und die Größe des gestellten Zieles – einen harmonisch entwickelten Menschen und ein würdiges Verhalten seiner Schüler zu erzielen -, all dies rief die Sympathie der einfachen Menschen hervor. Doch mit zunehmender Durchsetzung der nationalistischen Ideologie pochten die alten Jiu Jitsu Schulen mit doppelter Kraft auf ihre Rechte. Ihre Führer beschuldigten das Kodokan öffentlich, es würden ihr die praktischen Fertigkeiten fehlen, und Kano sei angefüllt mit scholastischen Räsonieren. Sie nannten Kano einen Bücherwurm, der sein Brot bei den echten Meistern der Kampfkünste stehlen würde. Besonders aufgebracht über das Judo war die Schule Ryoi shintoryu ( dies läßt sich etwa übersetzen als „Die durch guten Willen suggerierte wahre Kunst des Kampfes“).

Der Leiter dieser Schule, Totsuka Hikosuke, zog mehr als einmal in der Presse über das Kodokan her und provozierte Zusammenstöße seiner Anhänger mit den Schülern Kanos. Er war krampfhaft bemüht, seine Konkurrenten mit allen Mitteln zu diskreditieren. Eine Lösung des Konfliktes bahnte sich im Jahre 1886 an, als der Leiter der Kaiserlichen Polizeiverwaltung die Durchführung eines Entscheidungskampfes zwischen den beiden Schulen anordnete. Eine Niederlage des Kodokan hätte mit Sicherheit zum Verbot des Judo geführt, da die Staatsgewalt entschlossen war, in das Erziehungssytem des Kempo im Lande Ordnung zu bringen und als Norm eine einzige, besonders effektive Schule auszuwählen. In beiden Mannschaften standen jeweils 15 der besten Meister der beiden Schulen. In 30 Zweikämpfen errangen die Zöglinge Kanos den Sieg, zwei endeten unentschieden.

Der glänzende Sieg des Judo gegenüber dem alten Jiu Jitsu, indem es die untrennbare Einheit von Theorie und Praxis bewies. Bald schon wurde Judo bei der Polizei und in der Armee eingeführt. Einige Jahre später wurde es in das Programm der Mittel- und Oberschulen aufgenommen. Der technische Komplex des Kodokan war im Jahre 1887 fertig ausgearbeitet und ist in den letzten Jahrzehnten unverändert geblieben.

Doch über die Theorie des Judo und insbesondere über die moralisch-ethischen Probleme beim Studium der Kampfkünste hat Kano seine Arbeiten noch viele Jahre lang fortgesetzt. Führte Kano Neues in der Praxis des Yawara ein ? Ja und nein. Einerseits verallgemeinerte, erprobte und begründete er von Grund auf Errungenschaften seiner Vorgänger, andererseits enthielt das von Kano formulierte Prinzip der „wirksamsten Anwendung der Kraft“, verglichen mit dem technischen Arsenal der Jiu Jitsu-Meister, viel Neues. „Das Prinzip der maximal wirksamen Anwendung von Körper und Geist“, schreibt Kano, „ist ein grundlegendes Prinzip, das die gesamte Technik des Judo durchdringt. Doch es enthält nichts Besonderes. Dieses Prinzip läßt sich auch zur Verbesserung der Ernährung, der Kleidung, der Wohnung, der gesellschaftlichen Beziehungen und der Methoden der Geschäftsführung anwenden, es ist somit eine Schule des Lebens. Dieses allumfassende Prinzip bezeichne ich als Judo. Somit ist Judo im weitesten Sinne des Wortes die Wissenschaft und Methodik vom Training des Körpers und der Seele, sowie auch der Regulation aller Lebensprozesse“.

Kano war der erste der modernen Meister der Kampfkünste in Japan, der auf seine Disziplin den Begriff Do (Weg oder Hauptprinzip ) anwandte im Gegensatz zu dem früheren Jutsu (Kunst, Meisterschaft ). Das Budo ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, jedoch keine völlig neue Variante der klassischen Kampfkünste. Hier drängt sich das allgemein bekannte Paradoxon : „Das Neue ist nur das gut vergessene Alte“ auf. In der Tat existiert der Begriff Do als das oberste Prinzip, der „Weg“ des Folgens, seit uralten Zeiten im religiös-philosophischen Denken des Fernen Ostens. Vielleicht wird hier die Frage, ob Judo überhaupt eine Sportart ist, bei manchem Leser nur ein nachsichtiges Lächeln hervorrufen. Doch in Wirklichkeit war das Budo niemals für den Einsatz in der Sporthalle, für die Zurschaustellung von Erfolgen bestimmt.

Der Dojo, der Raum für die buddhistische Meditation, für das Verstehen des Weges, dies war der einzige würdige Platz für die Praktizierung des Budo. Judo und Karate haben sich als moderne, weltweit betriebene Sportarten trotz der hervorragenden Erfolge einzelner Sportler und Mannschaften sehr weit von den ursprünglichen theoretischen Vorstellungen entfernt. Die äußeren Attribute des Systems wurden herausgelöst und haben das System selbst, seinen inneren Gehalt, fast völlig verdrängt. Kano war jedoch der Meinung, dass Judo als Lebensweg seinen Sinn nur dadurch erhält, dass es als psychische und intellektuelle Vervollkommnung des Menschen in allen Situationen interpretiert wird. In der Ausführung der formalen Übungen ( Kata ) und in den Zweikämpfen auf der Tatami ( Randori ) werden der Wille gehärtet und der Verstand gestärkt. Es werden so die kämpferischen Eigenschaften anerzogen, die im realen Leben wichtig sind.